Andreas Stieglitz
São Sebastião

Die Stadtpfarrkirche (Matriz) São Sebastião in Ponta Delgada ist mit ihren Portalen ein besonders schönes Beispiel für den manuelinischen Stil (Emanuelstil) oder die so genannte Manuelinik. Dieser eigentümliche, auf Portugal beschränkte Übergangsstil von der Spätgotik zur Frührenaissance (um 1500-1580) ist nach dem portugiesischen König Manuel benannt. In seiner Regierungszeit (1495-1521) erreicht Portugal den Höhepunkt seiner Macht; es ist das Zeitalter der Entdeckungen. Bei der Manuelinik handelt sich um einen rein dekorativen Stil, bei dem keine neuen Konstruktionsprinzipien zum Tragen kommen. Muscheln, Schiffstaue, Knoten, exotische Pflanzenornamente, Meerestiere und andere Elemente aus der Seefahrt finden ornamental Verwendung. Gedrehte Säulen, die der Renaissance eigentlich völlig fremd waren und erst viel später (im Barock) zur Mode wurden, erinnern an Schiffstaue.

Die Kirche wurde 1531-1547 an der Stelle eines kleinen Vorgängerbaus errichtet, der ebenfalls dem heiligen Sebastian geweiht war, und zeigt den Grundriss eines lateinischen Kreuzes. Der heilige Sebastion wurde später zum Schutzpatron der Stadt erkoren. Das manuelinische Hauptportal mit dem Eselsrücken-Bogen ist noch der reifen Spätgotik verhaftet und von heiterem Überschwang (“flamboyant”) geprägt. Deutlich sind die gedrehten Säulen erkennbar. Im 18. Jh. wurde die Fassade im Barockstil umgestaltet. Dabei wurden die beiden Seitenportale, die vier rechteckigen Fenster und die achtteilige Rosette eingefügt. Im Innern wurde die Kirche im Laufe des 17. Jh. durch Gemälde, Schnitzereien und Kachelbilder (azulejos) im Barockstil verziert.

In den 1950er Jahren wurden Restaurierungsarbeiten durchgeführt. Dabei wurden im nördlichen und südlichen Seitenschiff alte Portale freigelegt. Während das Portal der Nordwand in die Barockzeit datiert, entstand das Portal der Südwand im manuelinischen Stil. Seine reiche figürliche Verzierung macht es noch interessanter als das Hauptportal der Kirche.

Das Kapitell am Südportal mit seinen menschlichen Köpfen verweist noch ins Mittelalter.

Eigentümlich wirkt der Fries im Türbogen des Südportals mit seinen barock anmutenden Figuren.

Mittelalterlich muten auch die figürlichen Wasserspeier wie z.B. diese phallische Gestalt an.