Andreas Stieglitz
Impérios

Impérios und die Heilig-Geist-Feste

Wenn man zwischen April und September auf den Azoren unterwegs ist, bekommt man bei Feiern in ländlichen Gemeinden nicht selten ein Glas Wein angeboten, dazu etwas Brot und vielleicht ein Stück Käse – eine Tradition, die mit den traditonellen Heilig-Geist- Festen in Verbindung steht. In vielen azoreanischen Dörfern sind die Schreine dieses Kultes, die so genannten Heilig-Geist-Kapellen (impérios), zu sehen. Man erkennt sie leicht an den außen angebrachten Symbolen - Krone, Zepter und Taube als Sinnbild für den Heiligen Geist (Espírito Santo). Diese Kapellen stehen im Mittelpunkt der Heilig-Geist-Feste, die im Mittelalter (von der Kirche stets mit Argwohn beäugt) als wohltätige Armenspeisung entstanden sind. In Portugal wird die Einführung des Kults, der seinen Ursprung vermutlich in Deutschland hatte, Isabel von Aragão (1270-1336) zugeschrieben, der Frau von König Diniz. Von den Portugiesen wird Königin Isabel wegen ihrer Tugendhaftigkeit und Milde verehrt. Das Königspaar soll die Armen in einer besonderen Zeremonie symbolisch gekrönt haben; anschließend wurde ein großes Fest ausgerichtet. Als erstes suchten die Adligen um Erlaubnis nach, dieselbe Zeremonie mit einer Nachbildung der Königskrone auf ihrem Anwesen ausrichten zu dürfen. Schon bald ging die symbolische Krönung mit Armenspeisung auf das einfache Volk über. Bereits die ersten Siedler brachten diese Tradition im 15. Jh. auf die Azoren, wo sie sich bis heute erhalten hat, während der Kult des Heiligen Geistes auf dem Festland ausgestorben ist. Die Entbehrungen der Menschen auf den Azoren angesichts von Erdbeben, Vulkanausbrüchen und anderer Katastrophen trugen dazu bei, hier den Kult bis heute aufrecht zu erhalten.

Heilig-Geist-Fest, Kirche Santa Bárbara in Manadas auf São Jorge

Die Feste beginnen am Pfingstsonntag, dem Tag des heiligen Geistes, und dauern über Wochen an. Männer aus der Dorfgemeinschaft, die einer Bruderschaft angehören, organisieren die traditionelle Essensausgabe. Böllerschüsse kündigen den Anfang der Prozession von der Kirche zum império an. Angeführt wird der Umzug von dem aus den Reihen der Bruderschaft gewählten Imperador („Herrscher“), der für das Fest verantwortlich ist und stolz eine Silberkrone mit einer Taube an der Spitze trägt. Er hat auch die große Ehre, Krone und Zepter in seinem Haus aufbewahren zu dürfen, bis der nächste Imperador die Herrschaft übernimmt. Die Prozession wird von der dörflichen Blaskapelle (filarmonica) begleitet, die im Dorfleben eine große Rolle spielt. Im Anschluss an die Prozession wird eine Suppe, die sopa do Espírito Santo, serviert. Dazu gibt es massa sovada, ein leicht süßes Hefebrot ähnlich wie Gugelhupf. Die Suppe besteht aus einer mit Lorbeerblättern (manchmal auch Nelken) gewürzten Fleischbrühe, die über die Brotscheiben gegossen wird, während das Fleisch (Rind, Schwein und Huhn) auf einem getrennten Teller serviert wird. Traditionell wird das Essen vom imperador gestiftet, der das Versprechen zu einer Speisung von Freunden, Familie und den Armen des Dorfes abgelegt hat. Da sich die Ausrichtung des Festes leicht auf 10.000 Euro belaufen kann, wird das Geld manchmal auch von der Dorfgemeinschaft gesammelt. Alle helfen bei den Vorbereitungen mit; Fleisch, Brot und Wein werden gespendet.

Wie das Fest im Einzelnen stattfindet, variiert von Dorf zu Dorf. In seiner ursprünglichsten Form hat sich der Kult zweifellos auf Santa Maria erhalten. Auf dieser Insel, die als erste der Azoren entdeckt und besiedelt wurde, gibt es noch die Tradition der foliões (Feiernden). Die foliões bestehen aus einer Männergruppe, die eine Art von Litanei zu Ehren des Heiligen Geistes singt, begleitet von Trommeln und Becken. Pico ist bekannt für seine spektakuläre Prozession (procissão das rosquilhas), bei der die schweren geflochtenen Brotlaibe, dort rosquilhas genannt, von den Frauen in Körben auf dem Kopf getragen werden.